
klotz+dabeler
Literarischer Pop, Chanson und Glamrock, LoFi-Beats und Salonmusik – Almut Klotz (Ex-Lassie Singers und Popchor Berlin) und Rev. Christian Dabeler (Zusammenarbeit u.a. mit Rocko Schamoni, Robert Forster/Go-Betweens und Universal Gonzalez) vereinen Gegensätze und beschreiten damit neues Terrain. »Keine Zeit zu bleiben« heißt es in einem der schönsten Ohrwürmer des ersten gemeinsamen Albums: Ständige Bewegung und Lust nach Neuem sorgte für ein Werk voller Reibungen, die sich dennoch wie aus einem Guss anhört.
Neben der Musik haben sich klotz+dabeler bereits als Autorenduo einen Namen gemacht. 2005 erschien ihr gemeinsamer Roman »Aus dem Leben des Manuel Zorn« (Ventil Verlag), eine labyrinthische Jagd durch das apokalyptisch anmutende Berlin der nahen Zukunft. Die Stücke auf »Menschen an sich« bauen auf dieser Zusammenarbeit auf. Bei den Texten handelt es sich nicht um konventionelle Songs, sondern um literarische Miniaturen, eingebettet in abgerundeten, stilsicheren Pop.
Die Geschichten treten ganze Assoziationsketten los, werfen eine Unmenge von Fragen auf und funktionieren wie gute Literatur, die Atmosphäre erzeugt, aber endgültige Antworten verweigert. – Wer ist dieser geheimnisvolle Irre, der auf »Bitte bleiben« seinen Monolog herunterspult? Was ist das für ein Ambiente in »Personal«? Befinden wir uns in einem abgewirtschafteten Hotel, einem Herrschaftshaus, einem Schloss oder einfach nur in einem Szene-Club, dessen große Tage längst gezählt sind?
Während sich die jüngere deutsche Popmusik oft auf Befindlichkeiten beschränkt, arbeiten klotz+dabeler an einer bilderreichen, aber nie überladenen Sprache, die uns in unbekannte, traumhafte, manchmal auch traumatische Welten entführt – von denen wir jedoch ahnen, dass sie unmittelbar mit unserer Wirklichkeit zu tun haben. Auf »Lauf wenn du kannst« findet dieses einzigartige Prinzip seine Vollendung: Von der ersten Zeile an werden wir in ein Film-Noir-Setting geworfen, das noch lange nach dem Hören in unseren Köpfen weiterhallt. Sätze wie »Was bleibt ist ein Schiff in Rotterdam« – von Rev. Dabeler unnachahmlich lasziv und verrucht vorgetragen – bauen Spannung auf, ohne sie aufzulösen.
Uneindeutigkeit erzeugt ein ständiges Knistern, das auch von der Musik aufgegriffen wird. Denn klotz+dabeler trennen nicht strikt zwischen LoFi und Glam-Pop, zwischen einfachen Casiobeats und ausufernden Gitarren, sondern verbinden Kontraste zu stimmigen Arrangements. Text und Musik sind dabei genau aufeinander abgestimmt. Natürlich schimmert die facettenreiche musikalische Geschichte der beiden immer wieder durch, doch »Menschen an sich« beschreitet neue Wege – weg von »Popliteratur« und hin zu Pop als Literatur!
Das Duo klotz+dabeler geht mit seinen Songs ab November auf Tournee.
Martin Büsser

